Gastautoren

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Pablo Neruda

Pablo, eigentlich Neftale Ricardo Reyes Basualto, chilenischer Lyriker, * 12.7.1904 Parral, + 23.9.1973 Santiago de Chile; Diplomat; als Kommunist längere Zeit in der Emigration; anfangs Modernist ("Crepusculario" 1923), dann Surrealist ("Aufenthalt auf Erden" 1933-1935, deutsch 1960), schließlich politischer Dichter mit marxistischen Ideen. "Der große Gesang" 1950, deutsch 1953, ist ein Lied auf Amerikas Natur und Geschichte, seine Völker und Unterdrücker; die "Elementaren Oden" 1954, deutsch 1957, preisen die einfachen Dinge; Autobiografie "Ich bekenne, ich habe gelebt" 1974. Erhielt den Nobelpreis für Literatur 1971.
 
Immer

Was vor mir war
weckt keine Eifersucht
Komm mit einem Mann
auf dem Rücken
komm mit hundert Männern in Deiner Mähne
komm mit tausend Männern zwischen Deiner Brust
und Deinen Füßen
komm wie ein Fluss
voller Ertrunkener
der den rasenden Ozean findet
den ewigen Gischt, die Zeit!

Bring sie alle her,
wo ich Dich erwarte;
immer werden wir einzig sein,
immer nur Du und ich
allein auf der Erde,
um das Leben zu beginnen!
Pablo Neruda


Zwanzig Liebesgedichte

Gedicht XV

Mir gefällt es, wenn du schweigst, als
wärst du in der Ferne.
Du hörst mich dann, als käme mein Wort weither geflossen.
Deine Augen, so scheint es, sind heimlich fortgeflogen,
und ein Kuss hat, so scheint es, dir deinen Mund verschlossen.
Weil jedes Ding erfüllt ist vom Leben
meiner Seele,
tauchst du auf aus den Dingen, erfüllt von meinem Wesen.
Ein Falter wie aus Träumen, ähnelst du meiner Seele,
und das Bild deines Daseins lässt das Wort Schwermut lesen.
Mir gefällt es, wenn du schweigst, als
wärst du nicht zugegen.
Du bist dann wie ein Falter, weinend, dass man dich wiege.
Und du hörst mich von weitem, kein Laut kann dich berühren:
Lass drum, dass jetzt mein Schweigen in deinem Schweigen liege.
Lass, dass ich zu dir rede mit deinem
eigenen Schweigen,
klar wie die stille Lampe, schlicht wie ein Fingerring.
Wie Nachtluft bist du, lautlos, von Lichtern überfunkelt.
Du schweigst mit Sternestille, ein fernes, kleines Ding.
Du gefällst mir im Schweigen, denn da bist
du wie ferne.
Entrückt, von Schmerz gezeichnet, als längst du schon im Grabe.
Es genügt mir ein Wort dann, ein Lächeln nur, ein kleines.
Und ich bin fröhlich, fröhlich, dass ich dich bei mir habe.
Pablo Neruda

Heut nacht kann ich die trübsten, traurigsten Verse schreiben
Schreiben etwa: "Mit Sternen übersät ist das Dunkel,
und blaugefroren zittern weit entfernte Gestirne."

Der Wind der Nacht zieht seine Kreise an Himmel, singend.

Heut nacht kann ich die trübsten, traurigsten Verse schreiben.
Ich liebte sie, und manchmal hatte auch sie mich gerne.

In Nächten, so wie diese, hielt ich sie in den Armen.
Küsste sie viele Male unterm endlosen Himmel.

Sie liebte mich, und manchmal hatte auch ich sie gerne.
Wie denn nicht lieben ihre großen, sicheren Augen.

Heut Nacht kann ich die trübsten, traurigsten Verse schreiben.
Denken, dass sie mir fern ist. fühlen, dass sie verloren.

hören die öde Nachtluft, öder noch, seit sie fort ist.
Der Vers fällt auf die Seele wie der Tau auf das Grasland.

Was macht's, dass meine Liebe sie nicht bewahren konnte.
Sternbesät ist das Dunkel, und sie ist nicht mehr bei mir.

Das ist alles. Sehr ferne singt irgendwer, sehr ferne.
Mein Herz kann es nicht fassen, dass ich sie nicht mehr habe.

Wie um sie herzuholen, ist mein Herz auf der Suche.
Mein Herz ist auf der Suche, und sie ist nicht mehr bei mir.

Die gleiche Nacht, und weißlich schimmern die gleichen Bäume.
Aber wir, die von damals, wir sind nicht mehr die gleichen.

Ja, ich liebe sie nicht mehr, doch wie liebte ich, damals.
Zum Wind lief meine Stimme, um an ihr Ohr zu rühren.

Jetzt hat sie wohl ein andrer. Wie einst, eh ich sie küsste.
Den hellen Leib, die Stimme. Die großen, großen Augen.

Ja, ich liebe sie nicht mehr, oder lieb ich sie noch immer.
So kurz dauert die Liebe, und so lang das Vergessen.

Denn in Nächten wie diese hielt ich sie in den Armen.
Mein Herz kann es nicht fassen, dass ich sie nicht mehr habe.

Mag's auch der letzte Schmerz sein, den ich durch sie erleide,
sind's auch die letzten Verse, die ich für sie nun schreibe.
Pablo Neruda

Aufenthalt auf Erden

Adonische Angela
Heute hab ich mich zu einem unschuldigen Mädchen gelegt
wie ans Ufer eines weißen Ozeans,
wie in die Mitte eines glühenden Sterns
von ruhevoller Bahn.

Aus ihrem Blick, unendlich grünen,
wie trockenes Gewässer fiel das Licht
in transparenten tiefen Kreisen
frischer Kraft.

Ihre Brüste wie ein Feuer zweier Flammen
glühten in zwei Regionen aufgerichtet,
und in einem Doppelstrom gelangte es an ihre Füße
groß und hell.

Ein goldnes Klima ließ frühzeitig
ihres Leibes tageshelle Längen reifen,
ihn mit weit verzweigten Früchten füllend
und geheimer Glut.
Pablo Neruda

Der Ertrunkene des Himmels

Gewebter Schmetterling, Gewand
an die Bäume gehängt,
ertrunken im Himmel, hinab gerissen
zwischen Böen und Regen,
allein, allein, gedungen,
Kleidung und Haar in Fetzen
und von Luft zerfressne Mitten.

Unbeweglich, so widerstehst du
der heiseren Nadel des Winters,
dem Strom luftigen Wassers,
das dich irre verfolgt.

Himmelsschatten, Taubengezweig,
nachts zerbrochen zwischen den toten Blumen:
ich bleibe stehen und leide,
wenn, gleich einem langsamen kälteerfüllten Klang,
du deine vom Wasser gepeitschte Abendröte verbreitest.
Pablo Neruda

Der Fülle zu

Tief im Ring des Sommers
einmal lauschen die großen
Tropenkürbisse und strecken
dunkel von schweren Tropfen
ihre erregenden Ranken aus,
der Fülle zu, dem, was sie so
sehr ersehnen.
Pablo Neruda

Düsteres System

Von allen diesen Tagen, schwarz wie alte Eisenbrocken
und aufgerissen von der Sonne wie mächtig rote Büffel
und kaum gehalten von der Luft und von den Träumen
und unwiederbringlich und jäh vergangen,
nichts hat meinen zerrütteten Ursprung ersetzt,
und die ungleichen Maße, die in meinem Herzen kreisen,
dort setzen sie bei Tag und Nacht sich einsam fest
und erfassen traurige verworrene Größen.

So denn, wie ein fühllos und blind gewordener Wachtturm,
ohne Glauben und zu schmerzlichem Spähen verdammt,
angesichts der Wand, der sich jeder Zeitentag verbindet,
neigen meine verschiedenen Gesichter sich einander zu und verflechten sich,
großen bleichen schweren Blumen gleich,
die unentwegt stellvertretend und tot.
Pablo Neruda

Einheit

Etwas Dichtes ist, Vereintes, am Grunde Ruhendes,
das seine Zahl wiederholt, sein identisches Zeichen.
Wie doch gewahrt man, dass die Steine die Zeit berührten,
in ihrer feinen Materie, aus Salz und Traum,
in der Ruch nach Zeit und das Wasser, herbeigetragen vom Meer.

Mich umgibt ein und dieselbe Sache, ein einzige Bewegung:
des Erzgesteins Schwere, das Licht der Haut,
sie heften sich an den Klang des Wortes Nacht:
des Weizens Farbe, des Elfenbeins, der Tränen,
der Dinge aus Leder, aus Holz, aus Wolle,
gealtert, verblichen, einförmig,
vereinen sich rings um mich zu Winden.

über mir selber kreisend wie über dem Tod der Rabe,
der Trauervogel, arbeite ich fühllos.
Ich sinne, abgesondert an den Rändern des Zeitenlaufs,
in der Mitte, umringt von schweigender Geographie:
eine müßige Wärme sinkt vom Himmel,
ein äußerster Machtbereich verworrener Einheiten
mich umzingelnd, sammelt sich.
Pablo Neruda

Gesang für Bolivar

Vater unser, der du bist in Erden, im Wasser, in der Luft
all unserer weiten schweigenden Breite,
alles trägt deinen Namen, Vater in unserm Gebiet:
deinen Namen bringt das Zuckerrohr zur Süße
Bolivarzinn strahlt wie Bolivar,
Bolivarvogel über Bolivarvulkan,
Kartoffel, Salpeter, besondere Schatten.
Strömungen, Adern phosphorischen Gesteins,
alles, was unser, entstammt deinem erloschenen Leben:
Ströme, Ebenen, GlockenTürme waren dein Nachlass,
unser Erbe ist unser täglich Brot, Vater.

Dein kleiner tapferer Hauptmannsleib
hat ins Unendliche hin seine metallische Form gebreitet:
plötzlich kommen deine Finger aus dem Schnee hervor,
und der südliche Fischer bringt jäh ans Licht
dein Lächeln, deine Stimme pochend in den Netzen.

Welche Farbe soll die Rose haben, die wir nahe deiner Seele pflanzen wollen?
Rot soll die Rose sein, die an deinem Schritt gemahnt.
Wie sollen die Hände sein, die an deine Asche rühren?
Rot sollen die Hände sein, in deiner Asche geboren.
Und wie die Saat deines toten Herzens?
Rot die Saat deines lebendigen Herzens.

Und so umgibt dicht heute ein Kreis von Händen.
Neben meiner Hand ist eine andere, und eine andere daneben,
und immer mehr andere, hinunter in die Tiefen des dunklen Kontinents.
Und eine andere dir unbekannte Hand
streckt sich aus, Bolivar, der deinen entgegen.
Von Teruel, aus Madrid, vom Jarama, vom Ebro,
aus den Zuchthäusern, aus der Luft, aus dem Tod Spaniens
kommt diese rote Hand, die ein Kind ist der deinen.

Hauptmann, Kämpfer, wo immer eine Stimme
Freiheit ruft, wo immer ein Ohr lauscht,
wo immer ein roter Soldat ein braune Stirn zerschmettert,
wo immer Lorbeer der Freien grünt, wo immer ein neues
Banner sich mit dem Blut unsrer ruhmreichen Dämmerung schmückt,
Bolivar, Hauptmann - dort kann man ein Antlitz erraten,
in Pulver und Rauch wird dein Schwert wiedergeboren,
wieder ist dein Banner mit Blut bestickt.
Schurken fallen über deine Saat her von neuem:
An ein anderes Kreuz wird der Sohn des Menschen geschlagen.

Doch hin zur Hoffnung führt dein Schatten uns:
Der Lorbeer und das Licht deines roten Haares
sieht durch die Nacht Amerikas mit deinem Blick.
Deine Augen, die wachsam sind über den Meeren,
über den unterdrückten und verletzten Nationen,
über den dunklen Städten in Flammen,
deine Stimme, deine Hand sind wiedergeboren:
Dein Heer verteidigt die heiligen Banner:
Und das schreckliche Geräusch des Schmerzes zieht voran
der Dämmerung vom Blut des Menschen gerötet.

Befreier, eine Welt des Friedens ward in deinen Waffen geboren,
Frieden, Brot, Korn sprossen aus deinem Blut:
Aus unserem jungen Blut, stammend aus deinem Blut,
wird Frieden, Brot, Korn kommen für die Welt, die wir bauen werden.

Ich traf Bolivar eines langen Morgens
in Madrid im Stab des Fünften Regiments.
„Vater, sprach ich zu ihm, bist Du's oder bist Du's nicht oder wer bist Du überhaupt?“ 
Und hinüberschauend nach Cuartel de la Montana sagte er:
„Ich erwache alle hundert Jahre, wenn das Volk erwacht.“
Pablo Neruda

Langsame Klage

In der Nacht des Herzens
der Tropfen deines langsamen Names
kreist in Schweigen und fällt
und zerbirst und entfaltet sein Wasser.

Etwas will sein leichter Schaden
und seine Schätzung unendlich und klein
wie eines verlorenen Wesens
plötzlich gehärter Schritt.

Auf einmal, auf einmal vernommen
und im Herzen verteilt
mit traurigem Beharren und Vermehren
wie ein kalter Herbsttraum.

Das dichte Rad der Erde,
seine Felge von Vergessenheit feucht,
dreht sich und spaltet die Zeit
in unerreichbare Hälften.

Ihre harten Schalen bedecken deine
auf die kalte Erde verschätterte Seele
mit ihren armseligen blauen Funken,
die in der Stimme des Regens schwirren.
Pablo Neruda

Walking around

Es geschieht, dass ich müde bin, Mensch zu sein.
Ich trete in Schneiderstuben, in Kinos
schlaff undurchdringlich wie ein Schwan aus Filz,
der auf einem Wasser von Ursprung und Asche treibt.

Der Geruch der Frisiersalons lässt mich laut schluchzen.
Ich möchte nichts weiter als eine Ruhe von Stein oder Wolle
ich will keine Errichtungen mehr noch Gärten sehen,
keine Waren, keine Brillen, keine Fahrstühle.

Es geschieht, dass ich überdrüssig meiner Füße, meiner Nägel bin,
und meines Haars und meines Schattens.
Es geschieht, dass ich müde bin, Mensch zu sein.

Dennoch wäre es köstlich,
einen Notar mit einer ausgerauften Lilie zu erschrecken
oder eine Nonne mit einer Ohrfeige umzubringen.
Es wäre wunderbar,
mit einem grünen Messer durch die Straßen zu laufen
und zu brüllen, bis man tot umfällt vor Kälte.

Ich mag nicht mehr Wurzel sein in der Finsternis,
schwankend, ausgestreckt, zitternd vor Schläfrigkeit,
abwärts immer, ins nasse Lehmwerk der Erde,
saugend und sinnend, essend Tag für Tag.

Ich mag so viel Unheil nicht für mich.
Mag nicht länger Wurzel sein und Grab,
verlassener Schacht, Kellergewölb mit Toten,
kältestarr, sterbend vor Leid.

Darum flammt der Montag wie Erdöl auf,
wenn er mich kommen sieht mit meinem Kerkergesicht,
und er heult in seinem Verlauf wie ein wundes Rad
und macht Schritte von heißem Blut der Nacht entgegen.

Und er treibt mich in manche Winkel, in manche feuchte Häuser,
in Spitäler, wo die Knochen durch die Fenster rauskommen,
in manche Schusterschube, die nach Essig riecht,
in Straßen, erschreckend wie Erdrisse.

Es gibt Vögel, schwefelfarbrig, und grässliches Gedärm,
das an den Türpfosten der Häuser hängt die ich hasse.
Es gibt Gebisse, in einer Kaffeekanne vergessen,
es gibt Spiegel,
die hätten weinen müssen vor Scham und Entsetzen,
Schirme gibt es allerorts und Gift und Nabelschnüre.

Ich schlendre umher mit Gelassenheit, mit Augen, mit Schuhen,
mit Wut, mit Vergessen,
ich geh vorüber, quere Amtsstuben und orthopädische Läden,
und Höfe, wo an einem Draht die Wäsche hängt:
Unterhosen, Handtücher und Hemden, die langsame
schmutzige Tränen weinen.
Pablo Neruda

Spanien im Herzen

Erklärung einiger Dinge
Du wirst fragen: Und wo ist der Flieder?
Und die Metaphysik von Mohn zugedeckt?
Und der Regen, der oft die Trommel
seiner Worte schlägt und sie fällt
mit Leere und Vögeln?
Ich will dir jetzt alles sagen, was mir geschieht.

Ich pflegte in einem Viertel
von Madrid zu leben mit Glocken,
mit Uhren, mit Bäumen.

Von da konnte man
das trockene Antlitz Kastiliens sehen
wie einen Ozean aus Leder.

Man nannte mein Haus
das Haus der Blumen, denn überall
brachen Geranien hervor: es war
ein schönes Haus
mit Hunden und kleinen Kindern.

Raul, entsinnst du dich?
Erinnerst du dich, Rafael?
Frederico, erinnerst du dich
dort unter dem Rasen,
entsinnst du dich meines Hauses der Balkone, wo
das Junilicht Blumen in deinem Mund ertränkte?

Bruder, Bruder!

Alles

war laute Stimmen, Salz von Warenlagern,
Anhäufung herzschlagenden Brotes,
Märkte meines Argüelles-Viertels mit seiner Statue
wie ein fahles Tintenfass zwischen Stockfischen:
das Öl erreichte die Löffel,
dunkles Getöse
von Füßen und Händen erfüllte die Straßen,
Maße Liter, scharfe Essenz des Lebens,
gestapelter Fisch,
Geweb von Dächern mit kalter Sonne, in der
der Pfeil ermüdet,
wahnsinniges zartes Elfenbein von Kartoffeln,
Tomaten immer wieder bis hinab zu See.

Und eines Morgens brachen die Flammen aus allem,
und eines Morgens stießen lodernde Feuer
aus der Erde,
verschlangen Leben,
und seither Feuer,
Pulver seither,
und seither Blut.

Banditen mit Flugzeugen und Marokkanern,
Banditen mit Ringen und Herzoginnen,
Banditen mit segnenden schwarzen Mönchen
kamen vom Himmel, um Kinder zu töten,
und durch die Straßen das Blut der Kinder
floss einfach, wie das Blut von Kindern.
Schakale, widerwärtig für einen Schakal,
Steine, auf die die trockene Diestel gespieen hätte,
Vipern, die Vipern verachten würden!

Vor euch habe ich das Blut
Spaniens aufwallen geseh'n,
euch zu ersäufen in einer einzigen Woge
von Stolz und Messern!

Generäle

Verräter:
seht mein totes Haus,
seht mein zerbrochenes Spanien:
doch aus jedem Haus schießt brennendes Metall
anstelle von Blumen,
aus jedem Loch in Spanien
springt Spanien empor,
aus jedem ermordeten Kind wächst ein Gewehr mit Augen,
aus jedem Verbrechen werden Kugeln geboren,
die eines Tages den Sitz
eines Herzens finden werden.

Ihr fragt, warum seine Dichtung uns nichts
von der Erde erzählt, von den Blättern,
den großen Vulkanen seines Heimatlandes?

Kommt, seht das Blut in den Straßen,
kommt, seht
das Blut in den Straßen,
kommt, seht doch das Blut
in den Straßen!
Pablo Nedura

Gesang für die Mütter toter Republikaner

Sie sind nicht tot! Sie stehen mitten
im Pulverdampf
aufrecht, wie brennende Lunten!
Ihre reinen Schatten haben sich vereint
auf den kupferfarbenen Wiesen
wie ein Vorhang gepanzerter Luft,
wie eine Sperre von der Farbe der Wut,
wie die ganz unsichtbare Brust des Himmels.

Mütter! Sie steh'n in den Weizenfeldern,
hoch wie der mächtige Mittag,
sie beherrschen die riesige Ebene!
Sie sind Getön von dunkelstimmigen Glocken,
die über die Leiber aus gemordetem Stahl
Sieg rufen.

Schwester gleich zerfallenem
Staub, gebrochene
Herzen
vertraut euren Toten!
Sie sind nicht nur Wurzel
unter den blutigen Steinen,
nicht nur bestellt ihr armes zerfallenes Gebein
das Land für immer,
sondern selbst ihre Münder beißen trockenes Pulver
und greifen an wie Ozeane aus Eisen, und selbst
ihre geballte Fäuste erhoben widersprechen dem Tod.

Denn aus so vielen Leibern unsichtbares Leben
erhebt sich. Mütter, Fahnen, Söhne!
Ein einziger Leib so lebendig wie das Leben:
ein Antlitz mit gebrochnen Augen blickt ins Dunkel
mit einem Schwert erfüllt von irdischer Hoffnung!

Werft
eure Mäntel der Trauer fort, sammelt all
eure Tränen, bis sie Metall werden:
auf dass wir schlagen Tag und Nacht,
auf dass wir stoßen Tag und Nacht,
auf dass wir speien Tag und Nacht,
bis die Tore des Hasses eingerammt sind!

Ich habe euer Unglück nicht vergessen, ich kenne
eure Söhne,
und wenn ich stolz bin auf ihren Tod,
bin ich auch stolz auf ihr Leben.

Ihr Lachen
blitzte in den betäubenden Fabriken,
in Untergrundbahnstationen
tönte täglich ihr Fuß neben dem meinen, und unter
den Orangen des Ostens, bei den Fischernetzen des Südens, in
der Farbe der Druckereien, auf dem Zement der Gebäude
sah ich die Flamme ihrer Herzen aus Feuer und Kraft.

Und wie in euren Herzen, ihr Mütter,
ist in meinem Herzen so viel Trauer und Tod,
dass es wie ein Wald ist,
nass vom Blut, das ihr lächeln auslöschte,
und in es fällt der tolle Nebel der Schlaflosigkeit
mit den Alleinsein zerreißend der Tage.

Doch
über den Fluch der dürstenden Hyänen hin und tierisches Röcheln,
das von Afrika her seine schmutzigen Schreie bellt,
über Zorn hin, Verachtung, über Tränen hin weit,
o ihr Mütter, durchbohrt von Entsetzen und Tod,
schaut ihm, dem wiedergeborenen, dem edlen Tag ins Herz
und wisst, dass eure Toten unter der Erde lächeln,
über die Weizenfelder ihre geballten Fäuste erheben.
Pablo Neruda

Sieg der Waffen des Volkes

Aber gleich dem Erinnern der Erd, gleich dem steinhaften
Glanz des Metalls und des Schweigens,
Volk, Heimat und Hafer, ist dein Sieg.

Trag voran deine Fahne, die durchlöchert
wie deine Brust, über die Narben
von Zeit und Erde.
Pablo Neruda

Großer Gesang

Aufständisches Amerika
Unsere Erde, endlose Erde, Einsamkeiten
bevölkerte sich mit Geraun, Armen und
Mündern.

Eine verschwiegene Silbe begann zu lohen,
die geheime Rose zusammenrufend,
bis die Grassteppen bebten,
von Metallen überzogen und Pferdegalopp.

Wie ein Pflugschar hart war die Wahrheit.

Aufbrach sie die Erde, gründete das Verlangen,
versenkte ihre keimtächtigen Lehren
und trat im heimlichen Frühling ans Licht.
Zum Schweigen gebracht ward ihr Blühen,
zurückgewiesen
ihr Bund der Helle, gekämpft
der verborgenen Banner,
doch, die Wände zerbrechend, brach sie hervor,
die Boden von Kerkern befreiend.

Das dunkelhäutige Volk war ihr Gefäß,
es empfing die zurückgewiesene
Lebenssubstanz,
verbreitete sie an den Meeresgrenzen,
stieß sie in unbändigen Mörsern klein.
Und es trat mit den gehämmerten Seiten
und mit dem Frühling hinaus auf den Weg.

Stunde des Gestern, Mittagsstunde,
heutige Stunde wieder, Stunde zwischen der
toten Minute und der, die ersteht,
erwartet in der stachligen Ära der Lüge.

Vaterland, du wurdest von Holzfällern erschaffen,
von unbenannten Söhnen, von Tischlern,
von ihnen, die, gleich einem seltsamen Vogel,
einen Tropfen beflügelten Bluts dir gaben,
und heute erstehst du von neuem in Härte,
und dorther, wo Verräter und Kerkermeister
versunken dich wähnen für immer.

Heute wie damals gehst du aus dem Volk hervor

Heut kommst du aus der Kohle und dem Tau
der Nacht.
Heute wirst du aufrütteln die Tore
mit misshandelten Händen, mit Splittern
überlebender Seele, mit Bündeln
von Blicken, die nicht ausrottete der Tod,
mit zornigem Werkzeug
bewehrt unter den Lumpen.
Pablo Neruda

Ich werde leben

Ich werde nicht sterben.
Heute an diesem Tag voller Vulkane,
ich trete hervor, der Menge entgegen, dem Leben zu.

Ich lasse hier diese Dinge geordnet zurück, heut,
da die Banditen herumziehn mit der "westlichen Kultur" im Arm,
mit Händen, die Spanien umbringen,
und den Galgen, die schwanken über Athen,
und der Schande, die Chile regiert und aufhört zu zählen.

Hier bleibe ich stehen mit Worten und Völkern und Wegen,
die mich von neuem erwarten und mit gestirnten Händen
pochen an meine Tür.
Pablo Neruda

Die Verse des Kapitäns

Die Nacht auf der Insel
Die ganze Nacht hab ich geschlafen mit dir,
nahe dem Meer, auf der Insel.
Wild und lieblich warst du im Wechsel von Lust und Schlaf,
im Wechsel von Feuer und Wasser.

Vielleicht vereinten sich
spät, sehr spät unsere Träume,
hoch droben oder tief drunten,
in der Höhe wie Zweige, vom selben Wind bewegt,
in der Tiefe wie rote Wurzeln, einander berührend.

Vielleicht trennte sich
dein Traum von dem meinen
und suchte mich
auf dem dunklen Meer
wie einstens,
als es dich noch nicht gab,
als ich, ohne dich zu gewahren,
dicht an dir vorüberfuhr,
und deine Augen suchten,
was ich nunmehr
- Brot, Wein, Liebe und Zorn -
mit vollen Händen dir gebe,
denn du bist der Becher,
wartend auf die Gaben meines Lebens.

Ich habe mit dir geschlafen
die ganze Nacht, während
die dunkle Erde sich drehte
mit Lebenden und mit Toten,
und beim Erwachen, jählings,
inmitten der Dunkelheit
umfasste mein Arm deine Hüfte.
Weder die Nacht noch der Traum
konnten uns beide trennen.

Ich hab mit dir geschlafen,
und beim Erwachen gab dein Mund,
eben dem Traum entkommen,
mir den Geschmack von Erde,
von Meereswasser, von Algen,
vom Grund deines eignen Lebens,
und ich erhielt einen Kuss,
benetzt von der Morgenröte,
als käme er mir vom Meer,
das hier uns umspült.
Pablo Nedura

Der Tiger

Ich bin der Tiger.
Laure auf dich im Laub,
zwischen Blättern, so strotzend
wie Barren feuchten Erzes.

Der weiße Fluss schwillt an
unterm Nebel. Du kommst.

Nackt tauchst du unter.
Ich warte.

Und dann, in einem Sprung
von Feuer, Blut und Zähnen,
reißt ein Prankenhieb dir
die Brust, die Hüften nieder.

Ich trinke dein Blut, breche
dir deine Glieder, einzeln.

Und dann halte ich Wache
im Urwald, jahrelang,
bei deinen Knochen, deiner
Asche, regungslos,
fern dem Hass und dem Zorn,
entwaffnet durch deinen Tod,
von Lianen umwuchert,
regungslos unterm Regen,
unerbittlicher Wächter
bei meiner Mörderliebe.
Pablo Neruda

Wenn du mich vergisst

Ich möcht', dass du
eines weißt.

Du weißt ja, wie das ist:
Betrachte ich
den kristallenen Mond, den roten Zweig
des säumigen Herbstes an meinem Fenster,
berühre ich
beim Feuer
die ungreifbare Asche
oder die runzligen Körper des Holzes,
bringt mich das alles zu dir,
als wäre alles, was da ist,
Düfte, Licht, Metalle,
nichts andres als ein Schwarm kleiner Schiffe,
hinsegelnd zu deinen Inseln, die mich erwarten.

Nun aber,
wenn du allmählich aufhörst, mich zu lieben,
werde ich aufhören, dich zu lieben, allmählich.

Wenn du auf einmal
mich vergisst,
suche nicht nach mir,
denn ich werde dich schon vergessen haben.

Scheint er dir lang und irre lodernd,
der Fahnenwind,
der mein Leben durchweht,
und entscheidest du dich,
mich auszusetzen am Rand
des Herzens, in dem ich verwurzelt bin,
so bedenke,
dass am selben Tag,
zur selben Stunde,
ich die Arme erhebe
und meine Wurzeln sich aufmachen,
einen anderen Boden zu suchen.

Doch wenn du
jeden Tag,
jede Stunde
empfindest, dass du für mich bestimmt bist,
mit unverrückbarer Süße,
wenn jeden Tag
eine Blüte aufsprießt zu deinen Lippen, um mich zu suchen,
ach, meine Liebe, ach, Meine,
so wiederholt sich in mir all dies Feuer,
und nichts erlischt in mir, nichts wird vergessen,
meine Liebe nährt sich von deiner Liebe, Geliebte,
und solange du lebst, wird sie in deinen Armen sein,
ohne die meinen zu verlassen.
Pablo Neruda

Wo ist das Kind

Wo ist das Kind, das ich gewesen,
ist es noch in mir oder fort?

Weiß es, dass ich es niemals mochte
und es mich auch nicht leiden konnte?

Warum sind wir so lange Zeit gewachsen,
um uns dann zu trennen?

Warum starben wir denn nicht beide,
damals, als meine Kindheit starb?

Und wenn die Seele mir verging,
warum bleibt mein Skelett mir treu?

Wann liest der Falter, was auf seinen Flügeln
im Flug geschrieben steht?
Pablo Neruda

Elementare Oden

Ode an das Atom
Kleinstes
Gestirn,
du schienst
begraben
für alle Zeit
im Metall, dein
Höllenfeuer
geheim.
Eines Tages aber
klopfte man
an deine winzige
Pforte:
Es war der Mensch.
Mit einem
Schlag
entfesselten sie dich,
und du erblicktest die Welt,
flogst durch den Tag,
Städte
durchliefst du,
dein gewaltiges Strahlen begann
das Leben zu erhellen,
du warst
von elektrischer Schönheit
eine schreckliche Frucht,
dir gelang es,
des Sommers Flammenglut
zu steigern, und dann
nahte,
mit Tigerbrille
bewehrt
und Panzerung,
im quadratübersäten Hemd
und mit Schwefelbart,
Stachelschweinschwanz,
der Krieger,
und er verlockte dich:
Schlaf ein,
sagte er,
hüll dich ein,
Atom,
einer griechischen Gottheit
bist du gleich,
einer frühlingshaften
Modistin von Paris,
ruh dich aus,
in meiner Tatze,
geh in dieses Schächtelchen,
und dann
verwahrte er dich
in seiner Weste, der Krieger,
als wärest du bloß
eine nordamerikanische
Pille,
und er reiste um die Welt
und ließ dich niederfallen
auf Hiroshima.

Wir schraken auf.

Vertilgt war
die Morgenröte.
Alle Vögel,
zu Asche verkohlt, sTürzten herab.
Grabgeruch,
Gas
der Grüfte
durchdröhnte die Weltenräume.
Aufrichtete sich, schreckenerregend,
die Gestalt unmenschlicher
Züchtigung,
bluttriefender Pilz, Kuppelgebild,
Wolkenturm,
Schwert
der Hölle.
Brennend auf stieg die Luft,
und in gleichlaufenden Wellen,
die schlummernde Mutter
erreichend
mit ihrem Kind,
den Fischer des Flusses
und die Fische,
die Bäckerei
und die Brote,
den Ingenieur
und seine Bauten,
breitete sich aus der Tod,
alles
ward Staub,
der zerfraß,
und mordende
Luft.

Die Stadt,
ihre letzten Wabenzellen zerbröckelnd,
sTürzte, sTürzte jählings ein,
niedergefegt
und zermorscht,
die Menschen
waren plötzlich voll Aussatz,
ergriffen
die Hand ihrer Kinder,
und die kleine Hand,
sie blieb in ihren Händen zurück.
Also rissen sie dich
aus deinem Zufluchtsort,
der verschwiegenen
Hölle von Stein,
blindschlächternder Funke du,
rasendes Licht,
um das Leben all zu vernichten,
ferne Lebewesen
unter dem Meer,
in der Luft zu verfolgen,
in den Sandwüsteneien,
im letzten
Winkel der Häfen,
zu vertilgen
die Samen,
die Keime zu morden,
den Blütenwuchs
zu verhindern,
dich bestimmten sie, Atom,
auszulöschen
die Völkerschaften,
die Liebe zu verwandeln in schwarze Pocken,
die versammelten Herzen all zu verbrennen
und zu vernichten des Menschen Blut.

O irrsinniger Funke,
kehre zurück
in dein Leichentuch
begrab dich
in deine Höllen von Erz,
sei wieder blindes Gestein,
leih nicht dein Ohr den Banditen,
du,
schaffe am Leben mit, an der Agrikultur,
nimm ein den Platz der Motore,
steigere die elektrische Kraft,
mache fruchtbar die Planeten.
Schon birgst du kein
Geheimnis,
wandle
ohne Maske
des Schreckens
unter den Menschen,
beschleunige den Gang,
dehne,
Gebirge
spaltend,
Ströme lenkend,
befruchtend,
das Leben
der Früchte aus;
Atom,
überschäumender
kosmischer
Kelch,
kehre um
zum Frieden der Traube,
in die Beschwingtheit der Traube,
in die Beschwingtheit der Freude,
kehre heim
ins Reich der Natur,
stell dich in unseren Dienst,
und statt der tödlichen Aschen
deiner Kriegsmaskierung,
statt der entfesselten Hölle
deines Zorns,
statt der Bedrohung
deiner schrecklichen Helle, gib in unsere Hände
dein überwältigendes
Aufbegehren
dem Korn zunutze,
deinen entbundenen Magnetismus,
den Frieden zu gründen unter den Menschen,
so wird dein blendendes Licht
nicht Hölle mehr sein,
sondern Beglückung,
morgendliche Hoffnung,
Spende der Erde.
Pablo Neruda
Ode an das Feuer
Lohendes Feuer,
kraftgeladen,
geschwätzig,
zaudernd und zäh,
Stern du von Gold,
Holzäuber,
schweigsamer Bandolero,
Zwiebelsieder,
der Funken berüchtigter Schurke,
tollwütiger Hund mit Zähnen eine Million,
hör mich an,
Mittelpunkt der menschlichen Hausungen,
Rosenstock unverwüstlich,
Vernichter des Lebens,
himmlischer Vater des Brots und des Herdes,
glorreicher Ahnherr
von Werkzeug und Rad,
Blütenstaub der Metalle,
Gründer des Stahls,
höre mich an,
o Feuer.

Dein Name glüht,
Feuer zu sagen
ist eine Freude,
ist besser
zu sagen als Stein
oder Mehl.
Worte sind Tote
vor deinem gelben Gestrahl,
in deines blutroten Schweifes Nähe,

vor deinen Mähnen amarantenen Lichts
kalt sind die Worte.
Feuer sagt man,
Feuer, Feuer, Feuer,
und etwas im Munde
entbrennt,
deine Frucht ist es, die brennt,
dein Lorbeer ist es, der flammt.

Aber nicht Wort nur
bist du,
obzwar jeglich Wort,
so es nicht Glut
in sich birgt,
sich ablöst vom Baume
der Zeit und fällt.
Blumenflor
bist du,
Flug,
Vollendung, Umarmen,
ungreifbare Substanz,
Verheerung und Gewalt,
Verschwiegenheit, stürmische
Schwinge des Todes und Lebens,
Schöpfung und Asche,
blendender Funke,
Klinge augenübersäht,
Fülle der Macht,
Herbst und Sommer jäh,
Pulvers harter Donnerschlag,
Zerbersten der Berge,
Strömen des Rauchs,
Dunkelheit, Schweigen.

Wo bist du, was wurde aus dir?
Einzig der fühllose Staub
erinnert an deine lodernde Glut
und an den Händen
von Brand und Blüte die Spur.
Schließlich find ich dich auch
auf meinem leeren Papier,
und anheischig mache ich mich,
dich zu singen,
Feuer,
nun aber,
mir gegenüber,
bleib ruhig,
indes in den Winkeln
die Leier ich suche
oder das Objektiv,
zu photographieren dich
mit dunklem Blitz.

Endlich bist du
bei mir,
nicht, um mich zu vernichten,
noch, dass ich dich
zum Pfeifenanzünden benutze,
sondern, um dich anzurühren,
deine Haarflut
zu bändigen, dein
ganzes gefährliches Gespinst,
dich ein wenig zu glätten, dich zu erschüttern,
dass du mit mir
es aufnimmst,
scharlachroter Stier.
So wage es denn,
verbrenne mich
nun,
hinein
in meinem Gesang,
steige
in meinen Adern mir auf,
entweiche
durch meinen Mund.

Nun
weißt du es,
du kannst mit mir
nichts beginnen:
Ich verwandle dich in Gesang,
ich erhöhe dich und beuge dich,
halte dich gefangen in meinen Silben,
ich fessele dich, lehre
dich singen,
in Trillern dich zu verströmen,
als wärest du
ein Kanarienvogel, im Käfig gefangen.

Komm mir nicht
mit deiner eines Höllenvogels
allzubekannten Tunika.
Hier
bist du verdammt
auf Tod und Leben.
Verstumme ich,
so lischst du aus.
Singe ich,
so verströmest du
und gibst das Licht mir, des ich bedarf.

Unter
meinen Freunden allen,
meinen Feinden
allen
du bist
der schwierige.
Alle
halten dich in ihren Banden,

Dämon des Geldes,
du in Truhen und Dekreten
verborgner Orkan.
Ich nicht.
Ich nehme dich als Gefährte mit
und sage dir:
Zeit ist's,
dass du mir weisest,
wozu du begabt.
Erschließe dich, lass offen flattern
deinen zerzausten
Schopf,
lodre empor und versenge
des Himmels Höhen.

Weise mir
deinen grünen und orangenen
Leib,
hiss
deine Fahnen,
glüh
über der Welt
oder zuseiten mir, licht
wie ein schlichter Topas,
schau mich an und entschlummre.
Klimme die Treppen empor
auf zahllosem Fuß.
Spähe mir nach,
lebe,
um niedergeschrieben zu bleiben,
mit meinen Worten
zu singen,
Flammen sprühend
auf deine Weise.
Pablo Nedura
Ode an die Freude
... Heute, o Freude,
so auf der Straße ich dich,
fern jeden Buches, antreffe,
begleite du mich:
Mit dir
will ich gehen von Haus zu Haus,
will ich gehen von Volk zu Volk,
von Banner zu Banner.
Nicht für mich allein bist du da.
Zu den Inseln lass uns fahren,
über die Meere.
In die Gruben lass uns geh'n,
in die Wälder.

... Mit dir um den Erdball!
Mit meinem Gesange!
Pablo Neruda
Ode an den glückhaften Tag
Diesmal lasst mich
glücklich sein,
keinem ist etwas geschehen,
und ich bin nirgendwo,
einziges Ereignis ist,
dass ich glücklich bin
beim Gehen, beim Schlafen,
beim Schreiben über das ganze
Rund meines Herzens.
Was soll weiter ich tun, ich bin
glücklich,
zahlloser bin ich
als das Gras
auf den Weiden,
ich fühle die eigene Haut wie den runzligen Baum
und unten das Wasser,
hoch oben die Vögel,
um meiner Häfte das Meer
wie einen Reif,
aus Brot und Stein die Erde geschaffen,
die Luft singt wie eine Gitarre.

Du mir zuseiten im Sande
bist Meeressand,
du singst und bist Gesang,
die Welt
ist heut meine Seele,
Lied und Sand,
die Welt
ist heute dein Mund,
lasst mich
an deinem Munde und im Sande
glücklich sein,
ja, glücklich sein, weil ich atme
und weil auch du atmest,
glücklich sein, weil ich
dein Knie berühre
und es ist,
als berührte ich
die blaue Haut und Kühle
des Himmels.

Heute lasst mich
einzig nur
glücklich sein
mit allen oder ohne sie,
glücklich sein
mit dem Gras
und dem Sand,
glücklich sein
mit der Luft und der Erde,
glücklich sein
mit dir, mit deinem Munde
glücklich sein.

Pablo Neruda
Ode an die Luft
Auf einem Wege wandernd,
traf ich die Luft,
ich grüßte sie und sprach zu ihr
voll Ehrerbietung:
"Ich freue mich,
dass du einmal
abgelegt hast deine Transparenz,
so können wir miteinander sprechen."
Die Unermüdliche
tanzte, bewegte das Blattwerk,
schüttelte mit ihrem Lachen
von meinen Sohlen den Staub,
und indem sie ihr ganzes
blaues Takelwerk aufspannte,
ihr gläsernes Skelett,
die Augenlide von Zephir,
blieb sie stehen, und, steif
wie ein Mast, hörte sie mich an.
Ich küsste ihren himmlischen
Herrschermantel,
hüllte in ihre Fahne
aus himmelblauer Seide mich ein
und sprach zu ihr:
Regentin oder Kamerad,
Faden, Blütenkrone oder Vogel,
ich weiß nicht, wer du bist, aber
um etwas bitt ich dich,
verkaufe dich nicht.

Das Wasser hat sich verkauft,
und in den Rohren
in der Wüste
sah ich die Tropfen
versiegen
und die Welt der Armen,
das Volk hinwandern mit seinem Durst
wankend über den Sand.
Ich sah das rationierte Licht
der Nacht,
das prächtige Licht im Haus
der Reichen.
Alles ist Morgenröte in den
neuen hängenden Gärten,
alles ist Dunkelheit
in dem schrecklichen Schatten
der engen Gasse.
Von dorther naht
die Rabenmutter Nacht
mit einem Dolch in
den Eulenaugen,
und ein Schrei, ein Verbrechen,
erhebt sich und erlischt,
vom Dunkel verschlungen.
Nein, Luft,
verkaufe dich nicht,
auf dass sie dich nicht kanalisieren,
auf dass sie dich nicht in Leitungen zwängen,
auf dass sie dich nicht in Kisten packen
noch zusammenpressen,
auf dass sie dich nicht zu Tabletten verarbeiten
und in eine Flasche tun,
gib acht!

Ruf mich zu Hilfe,
wenn du mich brauchst,
ich bin der Dichter: Sohn
armer Leute, Vater, Onkel,
Vetter, leiblicher Bruder
und Schwager
der Armen, aller,
meines Landes und der andern Länder,
der Armen, die am Ufer des Flusses leben,
und derer, die in den Höhen
der steilabfallenden Cordillere
Steine klopfen,
Bretter nageln,
Kleider nähen,
Holz zerkleinern,
Erde zermahlen,
und darum
will ich, dass sie atmen,
du bist das einzige, was sie haben,
darum bist du
transparent,
damit sie sehen,
was bringen wird der morgige Tag,
darum bist du da,
Luft,
lass dich atmen,
lass dich nicht in Fesseln legen,
traue keinem,
der da in einem Auto naht,
um dich zu untersuchen,
lass dich nicht mit ihnen ein,
lach über sie,
reiß ihnen den Hut vom Kopf,
willige nicht
in ihre Vorschläge ein,
lass uns beide
tanzen rings um die Welt,
des Apfelbaums Blüten
herunterreißen,
in die Fenster steigen,
gemeinsam pfeifen,
Melodien
pfeifen
von gestern und morgen,
es wird kommen der Tag,
an dem wir befreien werden
Licht und Wasser
die Erde, den Menschen,
und alles wird dasein
für alle, wie du es bist.
Darum, pass auf,
zu dieser Stunde!
Und komm mit mir,
wir haben noch viel
zu tanzen und zu singen,
gehen wir
den Saum des Meeres entlang,
hinauf in die Berges Höhen,
lass uns dort
hingeh'n, wo der neue Frühling
in Blüte steht,
und mit einem Windstoß
und Gesang
lass uns die Blumen verteilen,
den Duft, die Früchte,
die Luft
von morgen.
Pablo Neruda

Ode an das Meer

Hier auf der Insel
das Meer,
und wie viel Meer
bricht hervor jeden Augenblick
aus sich selber,
o ja, sagt es, o ja,
o nein, o nein, o nein,
o ja, sagt es, im Blauen,
im Schaum, im Wogenritt,
o nein, sagt es, o nein.
Kann nicht ruhig verharren,
Meer heiße ich, wiederholt es
gegen einen Felsen schlagend,
ohne ihn überzeugen zu können,
dann
mit sieben grünen Zungen,
sieben grünen Haien,
sieben grünen Tigern,
sieben grünen Meeren
umwogt es ihn, küsst ihn,
benetzt ihn
und schlägt,
seinen Namen wiederholend,
sich an die Brust.
O Meer, so nennst du dich,
Gefährte Ozean,
vergeude nicht Wasser und Zeit,
schüttle nicht so viel von dir ab,
hilf uns,
wir sind die winzigen
Fischer,
die Menschen der Küste,
wir leiden Hunger und Kälte,
du bist unser Feind,
triff uns nicht so hart,
brülle nicht dergestalt,
tu auf deinen grünen Schrein
und lass ihn unser
aller Händen
deine silberne Gabe,
den täglichen Fisch.
In jeder hätte hier
lieben wir ihn,
sei er von Silber auch,
Kristall oder Mond,
für die ärmlichen Küchen
der Erde ward er geboren.
Bewahre ihn,
Geiziger, nicht,
der, ein feuchter Blitz,
unter den Wogen
hinschießt.
Nun, schick dich drein,
zu dich auf
und lass ihn frei
in der Nähe unserer Hände,
hilf uns, Ozean,
grüner, abgrundtiefer Vater,
die Erdenarmut
eines Tags zu enden.
Lass uns
ernten die Pflanzung,
die unendliche, deiner Leben,
deiner Saaten und Trauben,
deiner Stiere, deiner Metalle,
den feuchten Glanz
und die versunkene Frucht.

Vater Ozean, wir wissen lange schon,
wie du heißt, alle
Möwen verbreiten
deinen Namen an den Gestaden:
Nun, betrage dich gut,
schüttle deine Mähne nicht,
bedrohe keinen Menschen,
zerschmettre am Himmel nicht
dein herrliches Gebiss,
höre auf mit den ruhmvollen Geschichten
für einen Augenblick,
gib jedem von uns Männern,
jedem
Weib und jedem Kind
einen großen oder kleinen Fisch
an jedem Tag.

Fisch auszuteilen,
geh hinaus auf alle Straßen
der Welt,
und dann
rufe laut,
rufe laut,
dass die Armen dich hören,
alle, die ihre Arbeit verrichten
und sagen,
den Kopf aus der Grube
streckend:
"Dort naht,
Fisch verteilend,
das uralte Meer."
Und dann kehren sie nach unten zurück,
lächelnd in der Finsternis,
und in Straßen
und Wäldern
lächeln die Menschen
und die Erde
ein meerhaftes lächeln.

Aber,
so du es nicht willst,
so du es nicht magst,
warte,
warte auf uns,
wir werden nachdenken,
vornehmlich aber wollen wir
die menschlichen Fragen
lösen,
die wichtigsten zuerst,
die übrigen später,
und dann
werden wir uns mit dir befassen,
werden die Wogen wir mähen
mit Messern aus Feuer,
auf elektrischem Ross
werden wir die Schaumhürden nehmen,

singend,
bis wir den Grund deines Innern
berühren,
werden wir untertauchen,
atomares Garn
wird deine Hüfte um hüten,
in deinem abgründigen Garten
werden Gewächse
wir pflanzen
von Stahl und Zement,
werden wir
Hände und Füße dir binden,
auf deiner Haut werden die Menschen,
Blitze schleudern, lustwandeln,
Traubengebilde ernten,
Fischereigerüste errichten,
dich zügeln und auf dir reiten,
deine Seele bezwingend.
Dies aber wird geschehen, wenn
die Menschen
geregelt haben
unser Problem,
das große,
das große Problem.
Alles werden wir ordnen,
nach und nach:
Dich, Meer werden verpflichten wir,
dich, Erde, werden verpflichten wir,
Wunder zu vollbringen,
denn in uns selber,
im Kampf
sind beschlossen Fisch und Brot,
ist das Wunder.
Pablo Neruda

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Mein Hund ist gestorben

Ich begrub ihn im Garten neben einer alten verrosteten Maschine.
Dort, nicht weiter unten, nicht weiter oben,
wird er sich einmal mit mir vereinen.
Jetzt ist er weg, mit seiner Haarfarbe,
seiner üblen Erziehung, seiner kühlen Nase.
Und ich, Materialist, der nicht daran glaubt,
dass es den verheißenen himmlischen Himmel für irgendeinen Menschen gibt,
glaube für diesen Hund oder für jeden Hund an den Himmel,
ja, ich glaube an einen Himmel, in den ich nicht komme,
doch wo er mich erwartet, seinen Fächerschwanz schwenkend,
damit es mir bei der Ankunft nicht an Freundschaft fehle.

Ach, ich will nicht von der Traurigkeit reden,
dass ich ihn hier auf Erden nicht mehr als Gefährten habe,
ihn, der mir niemals ein Diener gewesen ist, er hegte für mich Igelfreundschaft,
die seine Unabhängigkeit wahrte, die Freundschaft eines selbständigen Sterns,
ohne überflüssige Vertraulichkeit, ohne Übertreibungen:
Er sprang nicht an meiner Kleidung empor, bedeckte mich nicht mit Haaren und Schorf,
er rieb sich nicht an meinem Knie, wie es andere, geschlechtsbesessene Hunde tun.

Nein, mein Hund schaute mich an, schenkte mir die Aufmerksamkeit,
die ich brauchte, soviel Aufmerksamkeit wie nötig ist,
um einen Eitlen begreifen zu lassen, dass er, als Hund mit diesen Augen,
reiner als die meinen, die Zeit verlor,
doch er schaute mich an mit dem Blick,
der sein ganzes zotteliges Leben für mich bereithielt, sein verschwiegenes Leben
dicht bei mir, ohne mich je zu belästigen und ohne irgendwas von mir zu verlangen.

Ach, wie oft wünschte ich mir einen Schwanz,
wenn ich neben ihm ging über die Ufer der See, im Winter von Isla Negra, in der
großen Einsamkeit:
Droben die Luft durchschossen von eisigen Vögeln,
und hüpfend mein Hund, struppig,
erfüllt von der wellenwerfenden Kraft elektrischer Meeresspannung,
mein streunender, schnupperseliger Hund,
hissend den goldenen Schweif im Anblick des Ozeans und seiner Gischt.

fröhlich, fröhlich, fröhlich wie Hunde glücklich sein können,
einfach so, mit der Unumschränktheit unverschämter Natur.

Kein Adieu für meinen Hund, der gestorben ist.

Zwischen uns gibt es und gab es keine Lüge.
Er ist weg und ich begrub ihn, und das war alles.
Pablo Neruda

Wozu fragen mich die Wellen

Wozu fragen mich die Wellen,
wonach ich sie frage?
Und wieso branden mit so viel vergeblichem
Schwung sie gegen die Felsen?
Werden sie nicht müde, immer wieder
dem Strand ihre Liebe zu erklären?
Pablo Neruda






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