Mein Freund der Baum

Samstagmorgen. Ein noch beginnender, nebliger Tag.
Die wärmende Sonne des Julimorgens bleibt nur zu erahnen.
Ich verspüre das Bedürfnis, einatmende Luft genießen zu wollen.
Meinen Freund zu sehen, den ich zwei Wochen nicht mehr besuchte.
Er lässt mich stets ausruhen, schenkt mir wärmenden Schutz.
Mein Fahrrad lasse ich am Waldrand stehen, trage meine Schuhe in der Hand.
Wohlig empfinde ich den noch kühlen Waldboden. Fühle mich meinem Freund
näher, fast verwurzelt.

Ich verweile einen Augenblick. Es scheint, als will mich die Natur begrüßen.
Das Rascheln der Blätter, das sanfte Wiegen der Baumwipfel.... und das
Vogelgezwitscher. Warum aber wird mein Herz so schwer? Scheint es mir nur
so, als ob heute alles trauriger klingt?
Die Biegung habe ich fast erreicht. Von hier kann ich meinen Freund immer
stumm bewundern. Noch kann ich ihn nicht sehen. Wenige Schritte nur und
ich müsste bei ihm sein....!

Ich will es nicht glauben! Meine Augen können mich nicht so belügen!!
Ein riesiges Loch im Waldboden! Mein Freund ist tot.......
Der Saft seiner Wurzeln tränkt die Erde. Es ist, als würden meine Tränen
sich mit ihm vereinen.

Der Wind hört auf zu atmen... der Wald ist ganz ruhig......
Kein Vogel singt mehr.....
Adieu mein Freund. Sie vernichten nicht nur Dich.....Sie vernichten uns alle!!

 

Avalanchas lyrische Reise - Gedichte, Geschichten, Aphorismen, Haiku